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Pioniere

Hannover-Mitte und Stuttgart-Mitte – Gute Standorte für die Entwicklung von Hochtechnologie

Verkehrt man 2016 im IntercityExpress 3 zwischen den Hauptbahnhöfen in Stuttgart und Hannover, beträgt die Reisedauer ohne Umsteigen etwa drei Stunden und fünfzig Minuten. Ein Direktflug Stuttgart–Hannover dauert ca. eine Stunde, die Reise mit dem PKW etwas über fünf Stunden. Ganz selbstverständlich nehmen Reisende in allen drei Verkehrsmitteln einen hohen technischen Komfort in Anspruch. Einen nicht unerheblichen Anteil an den dafür verantwortlichen automatisierten Abläufen hat Hochtechnologie, deren Geschichte vor über 90 Jahren beginnt: 1925, als man noch deutlich beschaulicher unterwegs ist.

Ein Arbeitstag Mitte der 1930er Jahre in der Werkstatt Nass an der Ihmebrücke · Bild: Privatbesitz Gabriele Nass-Grosser

Es lässt sich nur vermuten, dass auch der 1925 31-jährige Feinmechanikermeister Wilhelm Fried­rich Heinrich Nass – ein eigenes Auto hat er noch nicht – mit dem Zug reist, der Preußischen Staatseisenbahn. Deren Züge werden seinerzeit häufig von einer Güterzugtenderlokomotive der Baureihe T 14.1 (Höchstgeschwindigkeit 70 km/h) gezogen. Details über seine Reisen zu Geschäftspartnern, zu Freunden, zu Verwandten etc. sind leider nicht überliefert. Aktenkundig jedoch ist die Gründung eines Handwerkbetriebes, den Nass am 1. April 1925 – ein ungemütlicher, kalter Mittwoch – in der Glockseestraße 20 zwischen Ihme- und Leineufer im Stadtteil Hannover-Mitte eröffnet. Auf dem Schild vor dem kleinen Ladengeschäft ist zu lesen: »Wilh. Nass Präzisions-Mechanik Fernruf W7386«. In der ersten Zeit werden vornehmlich Fotoapparate und Kinogeräte repariert. Schon bald gehören auch Entwicklung, Fertigung und Vertrieb feinmechanischer Präzisionsteile und -geräte zum Angebot.
Hannover ist sieben Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges, in denen die deutsche Wirtschaft nur mühsam wieder auf die Beine kommt, ein gutes Pflaster für Innovationen. Im Stadtteil Linden in der Göttinger Chaussee, ganz in der Nähe des ersten Standortes der Firma Nass, hat die Hannoversche Waggonfabrik (HaWa) gerade ihren 40-Volt-Elektro-Kleinwagen »Em 3« in einer PKW- und einer Kleintransporter-Version auf den Markt gebracht (1922). Außerdem werden Eisenbahnwagen, Straßenbahnwagen, Kampfflugzeuge und Landmaschinen produziert. Ebenfalls im Stadtteil Linden, am Deisterplatz entsteht mit dem Hanomag 2/10 PS der erste deutsche Kleinwagen. Das als »Kommissbrot« bekannt gewordene Automobil wird ab 1925 auf dem Fließband gefertigt. Auch Lokomotiven, Dampfmaschinen, Zugmaschinen, Baumaschinen sowie – später – leichte Lastwagen und Traktoren gehören zur Produktpalette der Hanomag. Zu Weltruhm hat es bereits der Leibniz-Keks der H. Bahlsens Keksfabrik geschafft, der im teilautomatisierten Verfahren in der Lister Straße hergestellt wird. Auf dem Vormarsch sind Fotoapparate für den professionellen und privaten Gebrauch. Einige davon kommen aus der Orionwerk AG in Hannover-List, die sich in Anzeigen als »ältestes und grösstes Kamerawerk Norddeutschlands« präsentiert. Dort und in der Vorgängerfirma Glunz & Bülter hat sich Wilhelm Nass viel Erfahrung und Praxiswissen angeeignet – neben dem expandierenden industriellen Umfeld eine zweite gute Basis für sein gerade gegründetes eigenes Unternehmen.
Dasselbe Jahr, 1925, in einer anderen Stadt. Auch die Württembergischen Staats-Eisenbahnen mit Sitz in Stuttgart sind höchstens mit 70 km/h unterwegs, ebenfalls mit Güterzugtenderlokomotiven. Dort heißen die Loks T 14, sind aber baugleich mit den »preußischen«. Möglich aus heutiger Sicht (2016) ist, dass zwischen 1924 und 1925 auch der Diplom-Ingenieur August Hofmann mehr als einmal im Zug sitzt, wenn er in Sachen Concordia unterwegs ist. Nach zahlreichen Gesprächen und Verhandlungen mit den künftigen Geschäftspartnern und während der Winter bereits vor der Tür steht, ist es endlich so weit: In Stuttgart wird die Concordia, Maschinen- & Elektrizitätsgesellschaft mit beschränkter Haftung neugegründet (zuvor: Concordia, Elektrizitätsgesellschaft mit be­schränkter Haftung, seit 28. April 1923 – Firmensitz: Nürnberg). Es ist Dienstag, der 24. November, und nasskalt. Der aus Speyer stammende 44-jährige Diplom-Ingenieur August Hofmann wird zum Geschäftsführer der neuen Firma berufen. Er startet mit einigen Mitarbeitern am Hegelplatz 1 in Stuttgart-Mitte in einem Ingenieurbüro für Planungen und Beratungen und mit einer kleinen Werkstatt. Es wird bis 1930 dauern, bis der ehrgeizige Ingenieur mit viel Geschick, Fleiß und unter relativ beengten räumlichen Verhältnissen seine erste Innovation auf den Markt bringen und gleich einen Trend setzen wird: Deutschlands erste Hochleistungssicherungen nach dem Schalterprinzip (so genannte Flüssigkeitsunterbrecher für Hochspannungsanlagen).
Auch Stuttgarts Industrieregion der 1920er Jahre kann sich sehen lassen. Allen voran die Motorenfabrik Benz & Cie und die Daimler-Motorenfabrik, die bereits 1886 mit dem »Maybach« gemeinsam für die Geburtsstunde des Automobils in Deutschland sorgten, und kurz vor der Fusion zur Daimler-Benz-AG (Juni 1926, Stadtteil Untertürkheim) stehen. Zu erwähnen ist die Bosch AG (heute: Robert Bosch GmbH), die in Stuttgart-West Niederspannungs-Mag­netzünder für Automobile und in Feuerbach Scheinwerfer fertigt (ab 1926 Scheibenwischer, ab 1927 Diesel-Einspritzpumpen). Am 25. April 1931 gesellt sich in der Kronenstraße 24 in der Innenstadt das Konstruktionsbüro Dr. Ing. h.c. F. Porsche GmbH (heute: Porsche AG) hinzu. Stuttgart ist 1925 eine Hochburg der sich auch in Deutschland rasch entwickelnden Automobiltechnik. Mittendrin: August Hofmann und seine Concordia. Der Diplom-Ingenieur kann auf seinen reichen Erfahrungsschatz im Maschinenbau und in der Elektrotechnik setzen, den er als Prüffeldleiter bei BBC sowie im Rahmen seiner Ingenieurstätigkeiten bei AEG, Lahmeyer (heute: Lahmeyer International GmbH, Bad Vilbel) und Bergmann (heute: Bergmann Elektrotechnik GmbH, Stuttgart) erworben hat.
Wilhelm Nass in Hannover und August Hofmann in Stuttgart, zwei Firmengründer, ausgestattet mit einem großen technologischen Wissen, dem nötigen Gespür für die Erfordernisse des Marktes, Disziplin, Fleiß und Verantwortungsbewusstsein für ihre Mitarbeiter, gehen mit ihren jungen Unternehmen voller Energie ans Werk. – Gut 90 Jahre später wird es in einem Beitrag des Mitarbeitermagazins der ihnen nachfolgenden Unternehmensgruppe über das Thema »Hochtechnologie in Zügen« heißen: »Die Automatische Fahr- und Bremssteuerung (Abkürzung: AFB) ist ein technisches System, das in Triebfahrzeugen der Eisenbahn zum Einsatz kommt… – Vielerorts sorgen Magnetventile von nass magnet für die perfekte Vorsteuerung.«1 – Doch bis es so weit ist, wird noch viel Wasser in der Leine durch Hannover und im Neckar durch Stuttgart fließen…

 
Andreas Seibert
Oktober 2016 – Oktober 2016 – für: Holding Kirchheim GmbH + Co KG, Hannover – in der Chronik »Die Holding Kirchheim GmbH + Co KG – Einblicke in neun Jahrzehnte – Unternehmensgeschichte und ein Blick nach vorn«
 
1: Aus: Kleines ABC der nass-magnet-Produkte (Teil 3) – Wo wird ein Magnetventil eigentlich eingesetzt? iMAGE, Mitarbeitermagazin der Unternehmensgruppe nass magnet, Ausgabe 012016. Mai 2016
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